Gestern rief mal wieder Sabine an. Mit ihrer Werbeagentur arbeite ich schon seit Jahren, ach, Jahrzehnten zusammen, mal häufiger, dann mal wieder zwei Jahre nicht, dann wieder doch, wie's so geht im Freiberuflerdasein, man freut sich halt, voneinander zu hören.
Was gefragt ist, wenn Sabine anruft, weiß ich: Knuffig soll's werden, nett und freundlich. "Mensch, das hast du wieder sooo süß hingekriegt! Alle hier sind total begeistert!", sagt sie dann nach getanem Job, und das schmeichelt auch so hartgesottenen alten Profihunden wie mir.
"Ich hab da wieder was für dich", sagte sie am Telefon...
"Cover für 'ne Kinderhörspiel-CD."
"OK, kein Problem."
Gerade vor acht Wochen hatte ich 20 Märchen-CD-Cover für Sabine fertig gekriegt.
"Soll aber bisschen anders werden diesmal. Nicht so comicmässig."
"OK."
"Also schon freundlich und nett. Bloss nicht düster, auch von den Farben her. Eher positiv. Und vielleicht mit so'n paar witzigen Details. Du machst das doch immer so toll."
"Hehe, danke. Ja klar, kein Problem. Worum geht's denn in dem Hörspiel?"
"Um zwei kleine Jungs, die sich auf 'nem Schiff kennen lernen und Freunde werden."
"OK."
"Kann gerne 'n bisschen verspielt sein. Wichtig ist, dass es freundlich ist, ne, positiv und nett halt."
"Ja klar, kein Problem. Wie ist denn der Titel?"
"Titanic sendet SOS."
Pause.
"DIE Titanic?" fragte ich.
"Ja, schon. Die Titanic halt." bestätigte sie.
"Positiv und nett?" fragte ich.
"Ja, genau. So will das die Kundin." sagte sie.
Wieder Pause.
Wir fingen beide fast gleichzeitig an zu lachen.
"Ja klar, kein Problem.", sagte ich
Ich arbeite wirklich gern mit Sabine.
Dienstag schick ich ihr die Entwürfe rüber.
Derzeit schreibe ich gerade für ein Berliner Spielestudio an einer Kinderquiz-CD-Rom. Juhuu, endlich mal ein Job, der nichts mit Zeichnen zu tun hat. Der Kontakt kam über Joachim F, meinen alten Lindenstrassencomicsautorenkumpel zustande. Joachim ist mal wieder vielzu beschäftigt damit, zynische Drehbucharbeiten für trashige Privatsenderserien zu obszönen Honoraren zu erledigen. Keine Zeit für Kinder CD-Roms.
"Also melde dich da mal, wenn du die paar Tacken auch mitnehmnen willst!", stand in seiner Mail. Paar Tacken auch noch mitnehmen, da bin ich doch dabei...
Es geht um ein naturwissenschaftliches Quiz für Kinder zwischen 8 und 13. Die Sachfragen werden von Fachleuten vorgegeben. Meine Aufgabe ist es, die drögen Fakten dann in schmissiges Quizmoderatorendeutsch zu transferieren plus ein paar witzische Multiple Choice- Antworten und An- und Abmoderationen zu formulieren. Beispiel: "Wie heißen die Bakterien, die Karies hervorrufen? -a) Streptokokken und Lactobazillen -b) Norbert und Rüdiger". Hahaa!
Eigentlich ne echt knorke Aufgabenstellung und die meiste Zeit, ich geb es zu, hab ich auch einfach n Heidenspass am Schlechtewitzereissen.
Insgesamt geht es allerdings um 500 Fragestellungen plus Antworten, die formuliert sein wollen. Und irgendwann denkt man nur noch in diesen Bahnen wo essentielle Aminosäuren in einer Einzimmerwohnung in Essen wohnen und die Inkubationszeit in Kuba Schonzeit hat.
180 Fragen hab ich jetzt. 40 davon hab ich heute geschrieben.
Zeit, Feierabend zu machen.
Bis morgen.
Samstag abend war ich auf der Release Party des PERRY-Comics der Alligatorfarmkapeiken. Das PERRY-Projekt ist ziemlich aussergewöhnlich, macht es sich doch eine unbezahlte Schar von idealistischen jungen Zeichnern zur Aufgabe, Retro-Mainstream zu produzieren.
Damit sind die Alligatoren meilenweit entfernt von der weinerlichen "Mir doch egal ob jemand meine Comics versteht ich bin halt genial und mach nich son Kommerzscheiss"- Nabelschau eines beträchtlichen Teils der deutschen Comiczeichnerschaft. Aber ist PERRY der Weg in die Zukunft?
Auf jeden Fall ist das Heft grosse Klasse! Das Experiment, ohne wenn und aber an ein 70er-Phänomen anzuschliessen, ist stilistisch 100%ig geglückt. Inhaltlich bemerkt der zynische Comicprofi vielleicht ein paar mal zu oft den Drall in die Ironie, aber das läuft immer schön mit geradem Gesicht ab. Auch volle Kanne 70er ist der Coverpreis von 1,95 €, Selbstausbeutung verbrämt als Retroauthentizität, sehr hübsch.
Chefalligator Karl Nagel, nichtzeichnender Ideengeber, Peitschenschwinger und Mietezahler des Farmstudios, hat da ein Novum auf die Beine gestellt: eine learning-by-doing-Anstalt für junge deutsche Zeichner. So was gab's zu meiner Zeit nicht, ich musste noch, desillusioniert von der HfbK, im Trickfilmstudio malochen. Dafür gab's da aber Geld zu verdienen, hehe.
Frage ist halt, wie immer in Comicdeutschland, welcher Hahn nach diesem ambitionierten Experiment krähen wird, wenn überhaupt. Um mal gleich ordentlich zu unken: Dass junge Mangahirne sich auf diesen opulenten 70er-Quatsch umpolen lassen, halte ich für relativ unwahrscheinlich.
Normale Perry Rhodan-Leser, spekuliere ich mal wild, kommen hervorragend ohne Comic aus, zumal PERRY ja auch einen explizit einen von der Romanwelt getrennten Weg beschreiten will. Ausserdem lockt man die, wenn überhaupt, nur mit einer mindestens 14-tägigen Erscheinungsweise hinterm Ofen vor.
Bleiben als Zielgruppe die alten Hardcorefans. Die stellen sich allerdings in all ihren Äusserungen, sei es Leserbrief oder Forumsbeitrag, als hundserbärmlich beschränkt und 100% humorfrei heraus. Dass diese Leute PERRYs Ironie werden goutieren können, halte ich für ausgeschlossen. Na, wenigstens werden sie amüsante Leserbriefe schreiben.
Tja, und da sind wir halt am Schluss wieder bei den paar hundert Leuten in Deutschland, die sowieso jeden handkopierten Zettel, der irgendwie nach Comic aussieht, kaufen. Und die, so sehr ihr loyaler Sammeleifer auch gepriesen sei, reichen einfach nicht, um ein Comicprojekt am Leben zu halten.
Wie schon so oft zuvor in meinem kurzen süssen Leben wünsche ich aus tiefster Seele, dass ich mich irre. Und dass uns noch hunderte von PERRY-Ausgaben ins Haus stehen.